Analoges HDR

Landungsbrücken Hamburg bei Nacht

Die HDR-Photographie hat nicht den besten Ruf. Verschrien als effekthascherisches Stilmittel geprägt durch quietsch-bunte Farben (Stichwort: Regenbogenkotze), Halo-Artefakten und unnatürlichen Kontrastverläufen. Und vielmals ist die Kritik auch berechtigt. Doch liegt der HDR-Photographie eine sehr nützliches Prinzip zu Grunde: den Dynamikumfang einer Szene so zu komprimieren, dass das resultierende Bild weder ausgebrannte Lichter noch abgesoffene Schatten aufweist. Das Prinzip gibt es jedoch nicht erst in der digitalen Photographie. Mit Hilfe des Zonensystems passten Photographen schon lange vor dem Aufkommen der digitalen Sensoren Belichtung und Entwicklung in der Schwarzweiß-Photographie entsprechend des Dynamikumfangs an und kontrollierten so den Bildkontrast.
Auf meiner Dienstreise Anfang Januar nach Hamburg kollidierten meine Arbeitszeiten mit den Tageslichtzeiten und ich schaffte es nicht einmal, passend zur blauen Stunde loszuziehen. Da ich das Photographieren mit meiner – quasi noch neuen – Pentax 6×7 trotzdem nicht lassen wollte, blieb mit nichts anderes übrig, als ein paar Nachtaufnahmen nach Einbruch der Dunkelheit zu machen.
Das Problem bei dieser Art der Nachtaufnahmen ist, dass der Helligkeitsunterschied zwischen Lichtern und Schatten immens ist. Zumindest bei einer normaler Belichtung und Entwicklung weisen die Lichter und Schatten des Negativs keine Zeichnung mehr auf – und das macht die Bilder in den meisten Fällen nicht gerade ansehnlich oder gar interessant. Daher beschloss ich, die Belichtungszeiten entsprechend der Schatten zu wählen und die Entwicklung dann auf die Lichter anzupassen, um so den Dynamikumfang zu vergrößern.
Weder der Belichtungsmesser der Kamera noch mein Gossen Variosix F sind unter nächtlichen Bedingungen wirklich zuverlässig. Blieb nur „guestimating“ – das Raten der Belichtungszeit. Wegen des Schwarzschild-Effekt und der ausgeprägten Schattenbereiche belichtete deutlich länger als ich es bei meiner DSLR machen würde. Durch den Schwarzschildeffekt und die Gutmütigkeit von Schwarzweißfilm passiert es aber auch nicht so leicht, dass man unter diesen Bedingungen eine Aufnahme überbelichtet. Das Raten der Belichtungszeit ist hier also keine große Sache und erfordert nur ein wenig Erfahrungen mit nächtlichen Langzeitbelichtungen.
Um dem enormen Dynamikumfang gerecht zu werden, wählte ich die Entwicklungsparameter entsprechend: Kodak HC-110 in hoher Verdünnung (63+1) und wenig Agitation (alle 2 min einmal invertieren). Da die Reaktion in den Lichtern schnell abläuft (autokatalytische Reaktion), ist durch hohe Verdünnung und mangelnde Bewegung der Entwickler hier schnell erschöpft. Im Gegensatz zu den Lichtern läuft die Reaktion in den Schatten wesentlich langsamer ab. Während die Reaktion in den Highlights also schon zum Erliegen gekommen ist, läuft die Entwicklung der Schatten noch weiter. Durch diesen Trick sinkt der Bildkontrast. Oder wie im Falle dieses Bildes führt es dazu, dass alle Bereiche Zeichnung aufweisen.


Es ist das erste Mal, dass ich versucht habe, den Dynamikumfang des Films so drastisch zu steigern. Schon bei normaler Entwicklung ist der Dynamikumfang des Ilford HP5+ enorm, doch durch die Anpassung von Belichtung und Entwicklung lässt sich das noch steigern. Und von dem Ergebnis bin ich fasziniert: Für mich überraschend haben Details in dem Bild wie die Turmuhr oder Schatten im Vordergrund noch Zeichnung. Um dem digitalisierten Negativ einen natürlichen Look zu verpassen, war es sogar notwendig, den Kontrast etwas erhöhen. Ich gebe zu: diese Vorgehensweise ist nicht gerade wissenschaftlich – aber sie hat zum gewünschten Resultat geführt.

Entwicklung: Kodak HC-110 Verdünnung H (63+1); 11 min bei 20°; in den ersten 3 min alle 60 sec 4x invertiert, dann alle 120 sec 4x invertiert

Hilfreicher Link:
Verlängerungsfaktoren für Ilford-Filme bei langen Belichtungszeiten (> 0.5 sec)

Landungsbrücken Hamburg bei Nacht

Pegelturm und Landungsbrücken: Ilford HP5+, 105 mm, f/8, 30 sec

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Comments

  • Ivan 17. Mai 2016 Antworten

    Ziemlich spannendes Thema. Ich glaube, ich sollte doch mal anfangen, selber zu entwickeln. Danke für diesen Artikel!

    • David 17. Mai 2016 Antworten

      Ich bin der Meinung, dass bei klassischen SW Filmen, kein Weg am selbst entwickeln vorbeiführt. Nur durch reproduzierbares Vorgehen und systematisches Austesten lernt man meines Erachtens einen Film wirklich kennen und beherrschen (ich muss aber auch Zugeben, dass ich Chemiker bin und dadurch eine gewisse Affinität zur Laborarbeit habe).
      Und es gibt mir immer auf neues einen Motivationsschub, wenn ein Film so rauskommt, wie ich es mir vorgestellt habe.
      Viele Grüße,
      David

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