Über Jupiter nach Boston

So anstrengend mein Job über weite Strecken auch sein mag, hat er zumindest ein unbestreitbaren Vorteil: ich komme an viele Orte, die ich aus freien Stücken niemals besucht hätte. Orte, deren Ruf mich von einem Besuch abhält oder die mich einfach nicht interessieren. Florida gehört für mich in die letztere Kategorie. In meinen Gedanken verbinde ich Florida immer mit einem konservativen Bundesstaat, in dem sich Amerikaner wie Zugvögel nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben niederlassen. Ein Rentnerparadies. Florida wäre kein Ort, für den ich meine Urlaubstage hergeben würde. Das macht aber auch einen Reiz aus. Privat setzen Zeit und Geld die Grenzen des Möglichen. Doch ab und an bringen mich die Dienstreisen an Orte, denen ich sonst niemals eine Chance gegeben hätte.
Es ist zwar nicht so, dass meine vier Tage in Florida meine Vorurteile beseitigt hätten oder mein Bild komplett geändert hätte. Vielmehr war es spannend, den Ort zu sehen, der für viele ein Traumziel darstellt. Meine amerikanischen Arbeitskollegen, die mich begleiteten, fingen gleich nach Ankunft – getrieben von Begeisterung – an, die Machbarkeit eines Ruhestands in Florida an Hand der lokalen Immobilienpreise zu erörtern. Mit dem ernüchternden Fazit: ziemlich unrealistisch.
Für mich war die Begeisterung nur schwer nachzuvollziehen. Zwar ist das Wetter gut und Strand und Meer haben auch ihren Reiz. Aber etwas, an das ich mich nie gewöhnen könnte, sind die Städte selbst. Soweit das Auge reicht übertrieben idyllische Schuhkarton-Häuser mit Niederlassungen verschiedener Restaurantketten als Fixpunkt. Nichts los, aber viel Platz dazwischen. Einer, dieser Ort, an denen ich es in dem Bewusstsein, bald wieder aufzubrechen, gut aushalten kann. Auf Dauer würde ich an Langeweile und Oberflächlichkeit ersticken. Die Wiederholung des immer gleichen Häusertyps und der immer gleich gepflegten Vorgärten lassen den Ort unwirklich wirken. Wie eine überzeichnete heile Vorort-Welt. Ein Rentneridyll eben. Ums mit den Worten Dirk von Lowtzows zu sagen: Aber hier leben – Nein, danke!
Ich habe versucht, meinen Eindruck von Jupiter zu dokumentieren, jedoch ist beim Wechseln des Films eine kleine Katastrophe passiert: die Kamera hatte den Film nicht zurückgespult und somit ist dieser Teil meiner Reise für immer verloren. Einzig der Ausblick von meinem Hotelzimmer ist erhalten geblieben.

Von Jupiter ging es weiter nach Boston – der angeblich europäischsten Stadt der USA. Eigentlich hatte ich bei meinem vollen Terminkalender nicht erwartet, in Boston Zeit zum Photographieren zu finden. Aber dann – wie so oft – bot sich doch noch eine Gelegenheit. Der letzte Termin an meinem letzten Tag dauerte nicht so lange wie erwartet und ließ so Zeit für den angenehmen Teil des geschäftlichen Reisens. Etwas überrascht von der plötzlichen Freiheit machte ich mich mit dem öffentlichen Nahverkehr auf in die Innenstadt. Immer, wenn ich so übereilt und unvorbereitet losziehe, fiel mir der Einstieg ins Photographieren schwer. Keine Ideen, keine Motive. Erst gilt es das eigene Trägheitsmoment zu überwinden. In dem Moment scheint aufzugeben und den Rest des freien Nachmittags in einem Cafe zu verbringen, als attraktive Alternative. Aber im gleichen Moment ist mir auch bewusst, dass Aufgeben mich am Ende unzufrieden lässt. Also loslegen. Einfach anfangen. Der Rest kommt von selbst. So wie immer.
Mit der Kamera in der Hand streifte ich so bei blauem Himmel und Sonnenschein quer durch die Boston Commons, vorbei am Grab von Samuel Adams hin zu dem Ort, an dem die Boston Tea Party stattgefunden hat. Photograpierend. Bis zum Ende des Films.
Natürlich freue ich mich jedes mal, wenn die Streifzügen in einem Bild resultieren, dass mir zusagt. Doch im Nachhinein ist doch eine andere Sache viel wichtiger für mich: dass ich mich aufgemacht habe, den fremden Ort zu erkunden. Und dazu motiviert mich meine Kamera.
Ob Boston nun die europäischste Stadt ist, sei dahingestellt – für eine amerikanische Stadt hat sie jedenfalls viele geschichtsträchtige Orte.

Schlagwörter: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.